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Goussen, Heinrich

Die Bibliothek des Orientalisten Heinrich Goussen

Goussen, Heinrich

Goussen

Heinrich Goussen kam 1863 in Eschweiler zur Welt. 1883-1887 studierte er in Bonn Katholische Theologie und Orientalistik. 1888 wurde er zum Priester geweiht und bis zu seiner Pensionierung 1918 in verschiedenen Funktionen der Seelsorge (davon lange Jahre als Militärseelsorger) eingesetzt. 1897 promovierte er in Freiburg zum Dr. theol. mit einer Arbeit über die koptisch-sahidische Johannes Apokalypse. In seiner Freizeit widmete Heinrich Goussen sich ganz der Erforschung der Orientalischen Kirchen. Die dazu nötigen Sprachkenntnisse hatte der außergewöhnlich Sprachbegabte an den Universitäten Bonn, Berlin und Straßburg erworben. Er wurde auf seinem Fachgebiet zwar keine Autorität, erhielt aber trotzdem von 1921 bis zu seinem Tod eine Honorarprofessur für orientalisches Kirchenwesen und orientalische Sprachen an der Universität Bonn. 1927 ist er in Bonn verstorben. Sein Grab befindet sich auf dem Bonner Nordfriedhof.

Goussen sammelte zeitlebens Literatur in den abendländischen alten und neuen, vor allem aber in den orientalischen Sprachen wie Syrisch, Äthiopisch, Koptisch, Arabisch, Armenisch und Georgisch sowie weiteren Sprachen und Dialekten. Die Erscheinungsjahre reichen vom 16. bis ins 20. Jh. Inhaltliche Schwerpunkte der Sammlung sind die Erforschung des Bibeltextes sowie der Liturgie der orientalischen Kirchen. Der Wert der Sammlung besteht in ihrer relativen Vollständigkeit – Goussen sammelte innerhalb der einzelnen Sprachgruppen in erstaunlicher Breite – sowie in der dichten Sammlung seltener Drucke außereuropäischer Pressen des 19. und 20. Jahrhunderts.

Die Bibliothek

Goussen vermachte seine Bibliothek dem Erzbistum Köln. Um sie der Forschung zugänglich zu machen, wurde sie als Leihgabe in der Bonner UB gesondert unter dem Namen „Bibliothek Dr. Goussen“ aufgestellt. Die Bibliothek wurde neu geordnet. Bisher ungebundene Schriften erhielten neue Einbände. Kennzeichnend für die Sammlung Goussen ist, dass bei Neubindungen für die einzelnen Sprachgruppen unterschiedliche Einbandfarben Verwendung fanden. Die Farbsymbolik geht vermutlich auf Goussen selbst zurück. Vor dem Zweiten Weltkrieg umfasste die Sammlung, incl. einiger weniger nachträglicher Ergänzungen, die Signaturen Goussen 1 - 4937 und gliederte sich in insgesamt sieben Abteilungen:

Abteilung 
Signaturen
Anzahl Einbandfarbe
Syrisch 1 - 1074  1074 zinnoberrot
Koptisch  1075 - 1630 556 violett
Äthiopisch 1631 - 2044 414 taubenblau
Arabisch 2045 - 2876 832 schwarz
Armenisch 2877 - 3653 777 grün
Georgisch 3654 - 4063 410  grau
Allgemeines 4064 - 4820 757 dunkelgrau
Ergänzungen
(1928-1942)
4821 - 4937  116  


1944/45 war die Sammlung in den Kellern des Universitätshauptgebäudes, des ehemaligen kurfürstlichen Schlosses in Bonn, ausgelagert. Ein beträchtlicher Teil des Bestandes ging wohl Anfang 1945 verloren, als der stollenartige Keller, in dem die Bücher aufgestellt waren, zu einem Viertel verschüttet wurde. Die Verluste betrafen in erster Linie den hinteren Bereich des Signaturenkontingents, vor allem die Georgische und die Allgemeine Abteilung. 1987 ging die Bibliothek Goussen endgültig in den Besitz der ULB Bonn über. Mit Stand vom 28. Januar 2010 sind in der Bibliothek Goussen noch 2.910 Monographien und 874 Sonderdrucke vorhanden, so dass die Sammlung heute ca. 3.800 Titel umfasst.

Die Erschließung der Bibliothek Goussen war lange Zeit unbefriedigend. Goussens eigenhändig geführter Katalog ist nicht erhalten. Er ist wahrscheinlich beim Brand der Bonner Universitätsbibliothek am 18. Oktober 1944 vernichtet worden. Bereits 1927 einsetzende Erschließungsbemühungen durch mehrere Fachreferenten der Bonner UB konnten nicht zum Abschluss gebracht werden. Erst 1971 ordnete Wolfgang Kosack in nur 21/2 Monaten die Bibliothek neu, revidierte den alphabetischen Katalog und den Standortkatalog, erstellte zahlreiche Neukatalogisate und erfasste erstmals die Kriegsverluste. Inzwischen hat die ULB Bonn die Sammlung elektronisch neu katalogisiert, so dass die Bibliothek Goussen fast vollständig in bonnus nachweisbar ist. Die Erschließung hat sich über eine längere Zeit hingezogen, da gerade die Katalogisierung der Drucke in orientalischen Sprachen bzw. mit außereuropäischen Erscheinungsorten sehr aufwendig ist.

Fast 1.000 Bände der Sammlung Goussen sind inzwischen digitalisiert und über die Digitalen Sammlungen der ULB Bonn online frei zugänglich.


Quellen / Kataloge / Verzeichnisse:

  • Akten der ULB Bonn, P 115
  • Accessio Bibliothecae Goussenianae 1928 [Verz. die nachträglichen Ergänzungen der Bibliothek Goussen durch ULB Bonn von 1928 - 1942 = Goussen 4821 - 4937]
  • Standortkatalog für die Bibliothek Goussen[Der nach 1945 angelegte Bandkatalog enthält lediglich die Signaturen Goussen 1 - 467, blieb also ein Torso.]

Literaturhinweise:

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